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Immer mehr

Theodor Storm hat die Geschichte vom kleinen Häwelmann geschrieben, die heute vielleicht gar nicht mehr so bekannt ist. Er erzählt von einem kleinen Jungen, der in einem Rollbett liegt und fahren will. Wenn die Mutter ihn ein wenig hin und her schiebt ruft er: „Mehr, mehr!“ So beginnt bald eine abenteuerliche Fahrt, die fast ein schlimmes Ende genommen hätte. „Ich will mehr!“ Kommt Ihnen dieser Ruf bekannt vor? Mir schon. Nun steht es außer Frage, dass es Bereiche im Leben gibt, wo es völlig richtig ist, mehr zu erwarten und sich selbst herauszufordern. Wenn es darum geht, die Beziehung zu Gott zu vertiefen, in der Nachfolge zu leben, Glauben und Hoffnung zu haben, dann ist der Wunsch nach mehr ein guter. Genauso auch, wenn es darum geht, sich Wissen anzueignen und Fertigkeiten zu vervollkommnen. Bei materiellen Dingen ist dieses „Ich will mehr!“ dagegen schon kritischer zu sehen. Die Statistik sagt, dass ein Mitteleuropäer im Durchschnitt 10 000 Dinge besitzt. Das ist eine ganz schöne Menge. Manchmal weiß man gar nicht mehr, was man alles so hat. Manchmal weiß man auch nicht mehr wohin mit all seinen Sachen und manchmal fragt man sich, was wohl einmal damit werden wird. Immer mehr besitzen macht nicht unbedingt glücklicher; schon gar nicht, wenn das Anhäufen von Sachen geschieht, um vor anderen etwas darzustellen. Ähnliches gilt auch für den Wunsch nach einem großen Vermögen. Dazu heißt es im Hebräerbrief 13,5: „Seid nicht hinter dem Geld her, sondern seid zufrieden mit dem, was ihr habt. Gott hat doch gesagt: Niemals werde ich dir meine Hilfe entziehen, nie dich im Stich lassen.“ Der Rat, zufrieden zu sein, ist ein guter Rat. Er steht natürlich in einem krassen Widerspruch zu all der Werbung, die uns täglich erreicht. Mir scheint, dass die kommenden Monate eine gute Zeit sind, sich darüber einmal Gedanken zu machen. Es wird nun Herbst. Die Blätter fallen und viele Pflanzen sterben ab. Bald müssen die Gräber lieber Menschen für den Winter geschmückt werden. Es kommt der Ewigkeitssonntag, an dem wir in besonderer Weise an unsere Verstorbenen denken und daran erinnert werden, dass auch unsere Lebenszeit begrenzt ist. Es kann doch im Leben nicht darauf ankommen, „immer mehr“ anzuhäufen und rauszuholen. Entscheidend ist doch, bewusst zu leben und zu vertiefen, was einem wichtig ist. Dabei wird uns bewusst, dass Gott es sehr gut mit uns meint und dass Genügsamkeit keineswegs mit Kargheit und Mangel gleichgesetzt werden darf. Im Gegenteil, sie ist eine echte Alternative zum „Ich will mehr!“. Dabei geht es nicht darum, das anderen zu sagen, sondern für sich selbst die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und das würde uns und der Schöpfung sehr gut tun.

Ihr Pfarrer Jörgen Schubert